Unheilige Allianz: ISIS und das Assad-Regime

Ein auf diesem Beitrag basierender Kommentar ist am 20.Juni 2014 hier im Tagesspiegel erschienen.

Der Vormarsch von ISIS ((=Islamischer Staat im Irak und Syrien)) Kämpfern im Irak schürt Angst und Schrecken. Die fundamentalistische Islam-Auslegung der ISIS und die damit einhergehende martialische Justiz, welche Bestrafungen für Andersdenkende (u.a. Enthaupten und Kreuzigungen) vorsieht, haben sogar dazu geführt, dass Al Qaida sich von dem Vorgehen der ISIS Kämpfer distanziert. ((http://www.spiegel.de/politik/ausland/al-qaida-distanziert-sich-von-isis-terrorgruppe-in-syrien-a-950830.html)) Opfer des Siegeszuges ist die Zivilbevölkerung in Syrien und im Irak. Sie lässt in großer Zahl alles hinter sich und flieht in andere Landesteile oder ins Ausland, um der Willkürherrschaft zu entkommen.

Der Vorstoß der ISIS Kämpfer im Irak ist weder allein mit dem überhasteten Abzug der US Truppen, noch mit einer Zunahme der Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten zu erklären, sondern muss im regionalen Kontext betrachtet werden. Lange Zeit war ISIS primär in Syrien aktiv. Der dort inzwischen seit über drei Jahren andauernde Bürgerkrieg bietet den perfekten Nährboden für die transnationale Gruppierung, welche sich laut eigenem Namen die Errichtung eines islamischen Kalifats im Irak und in Syrien zum Ziel gesetzt hat. Insbesondere durch die Grenze zur Türkei sind in den letzten Monaten eine Vielzahl radikalreligiöser Kämpfer aus der ganzen Welt nach Syrien gelangt, um dort den heiligen Jihad zu kämpfen. Die türkische Regierung ließ tausende religiös-fundamentalistische Eiferer ungehindert die Grenze nach Syrien überqueren. ((http://www.spiegel.de/politik/ausland/isis-im-irak-wie-sich-die-tuerkei-bei-der-terrorgruppe-verschaetzte-a-975032.html)) Freies Geleit für Assad-Gegner (und auch radikalisierte Oppositionelle) ist Teil der türkischen Syrien-Strategie.

Paradoxerweise spielt das Erstarken von ISIS jedoch dem Assad Regime in die Hände. Das Regime hat sogar aktiven Anteil an dem Aufstieg von ISIS zur regionalen Militärmacht. ((http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/irak-der-vormarsch-von-isis-ist-der-terror-von-achttausend-mann-12990448.html)) Damaskus lässt die ISIS Truppen weitgehend gewähren und hat sich ihrem Vormarsch in Syrien bewusst nicht entgegen gestellt – wohlwissend das ISIS den gemäßigteren Kräften der syrischen Rebellen Probleme bereiten würde. Während Assad gegen die Rebellen in ihren urbanen Hochburgen Homs und Aleppo mit einem Dauerbombardement aus Fassbomben vorgeht, bleiben die von ISIS kontrollierten Gebiete Nord- und Ostsyriens von Luftschlägen des Regimes verschont. Getreu dem Motto wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte, scheint Bashar Al-Assad dieser lachende Dritte in diesem Szenario zu sein. Das Erstarken der radikalen ISIS schwächt die syrische Opposition. Diese verwenden vermehrt ihre Ressourcen auf den Kampf gegen die radikalen Kräfte und können dem syrischen Militär dadurch kaum noch die Stirn bieten. Als Resultat musste die Freie syrische Armee zuletzt sogar die einstmalige Rebellenhochburg Homs aufgeben.

Auch auf internationaler Ebene profitiert das Assad-Regime von dem Erstarken der radikalen Kräfte in der Opposition. Die Regimepropaganda von der fundamentalistisch-terroristischen Opposition scheint sich zu bewahrheiten. Zumindest will Assad dies sowohl seinen eigenen Landsleuten als auch der internationalen Gemeinschaft glaubhaft machen. Der Vormarsch von ISIS wird auch zum Problem für den Westen. Auf einmal erscheint eine Kooperation mit dem Assad Regime, um die fundamentalistischen Gruppen zurück zu schlagen, wie das kleinere Übel. ((http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-03/syrien-berichterstattung-isis)) Dass dabei die demokratischen Kräfte der militärischen und nicht-militärischen syrischen Opposition auch über Bord fallen, wird als Kollateralschaden bewertet. Lieber ein berechenbarer säkularer Diktator als eine unberechenbare Gruppe internationaler Jihadisten. Die Internationalisierung und Konfessionalisierung des syrischen Bürgerkrieges spielt dem Regime somit in die Hände.

Die Konsequenzen aus dem Vormarsch von ISIS im Irak für den syrischen Bürgerkrieg sind allerdings noch weitreichender. Es konnten nicht nur bedeutende Geländegewinne im Irak erzielt werden. Geld und militärisches Equipment der Irakischen Armee fielen an die ISIS Kämpfer. ((http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/kriegszug-der-isis-im-irak-dschihad-tycoons-mit-voller-kriegskasse-12998773.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2)) Ein Teil der im Irak erbeuteten militärischen Fahrzeuge, Waffen und Munition sind bereits in die von ISIS kontrollierten Gebiete Syriens transportiert worden. Die Kampfkraft der Jihadisten wird sich demnach auch in Syrien erheblich steigern.

Auch wenn sich ISIS im Moment noch auf den Vormarsch im Irak konzentriert und deshalb die Kämpfe an mehreren Orten in Syrien vorübergehend eingestellt hat, ist eine baldige Offensive gegen die kurdisch kontrollierten Gebiete im Norden und die Rebellengebiete im Osten Syriens zu erwarten. Die gemäßigte Opposition und die Zivilbevölkerung in Syrien drohen somit zwischen den radikal-islamistischen Kräften und den Regimetruppen zermalmt zu werden. Dies löst eine weitere Zuspitzung der ohnehin katastrophalen Flüchtlingssituation in der Region aus. Darüber hinaus führt die zunehmende regionale Ausbreitung der Gewalt in die Nachbarstaaten Syriens zu neuen Flüchtlingswellen. Im Irak sind allein seit dem Vorstoß von ISIS nach Angaben der Vereinten Nationen mindestens eine halbe Millionen Menschen auf der Flucht. Zusammen mit den Millionen von Flüchtlingen aus Syrien zeichnet sich im Nahen Osten die gravierendste Flüchtlingskatastrophe der Nachkriegszeit ab.

Angesichts dieser prekären Lage ist Europa in der Pflicht, zu einer Verbesserung der Lage beizutragen. Dies sollte auf unterschiedlichen Kanälen erfolgen. Eine substanzielle finanzielle und humanitäre Unterstützung der Aufnahmestaaten in der Konfliktregion – insbesondere im Libanon, Jordanien und der Türkei – muss Hand in Hand mit einem umfangreicheren Aufnahmekontingent von Kriegsflüchtlingen in Deutschland und Europa erfolgen. Darüber hinaus muss der politische Druck auf den Irakischen Premier Maliki und das Assad-Regime hochgehalten werden. Eine militärische Intervention im Irak kann den Konflikt nicht lösen, sondern nur kurzzeitig die Situation im Irak stabilisieren. Radikale Kräfte wie ISIS haben jedoch in Syrien einen sicheren Unterschlupf. Solange sich dies nicht ändert, wird sich die gesamte Region, ausgehend vom syrischen Bürgerkrieg, weiter destabilisieren. Um zu verhindern, dass jetzt schon größte humanitäre Katastrophe seit dem Genozid in Ruanda eine regionale Gewaltspirale entfacht, sind deutlich entschiedenere Maßnahmen und Reaktionen der Internationalen Gemeinschaft notwendig. 

4 comments on “Unheilige Allianz: ISIS und das Assad-Regime

  1. Salem Dandan on said:

    Hmm.. not sure I agree. While ISIS (by the way the last S stands for Shām not Syria) or ISIL((=Islamischer Staat im Irak und der Levante)) did seem to work as a selling point for both Assad, Iran and Russia’s stances‘, there seems to be consequences of the current situation that works against both Assad and Iran. As also eluded to in the article the apparent open door policy by the Turks and the indirect help by the Saudis should be analysed as well, not to mention the sudden Israeli interests in parting from Washington’s policy of wanting to keep Iraq united and supporting the Kurds. Again blowback and internal Iraqi factors have a roles to play. As the US is sending advisors to „assist“ the Iraqi army in liberating Tikrik, the Syrian Air Force has bombed ISIL targets within Iraq, in principal situating Assad and the US on the same side.

    • Ilyas Saliba on said:

      You are certainly right about the name -which by the way now has changed to IS (Islamic State) again- however in my knowledge Sham stands for greater Damascus which effectively has been used to describe the Syrian state territory in recent decades. Levante is the italian name for the Region that encompasses a large area nxt to the eastern mediterranean which today consists of Greece, Turkey, Lebanon, Israel, Palestine and Syria.
      Wording aside we can see an increased effort by Assad to fight IS also on Syrtian territory aftr the US started their airstrikes on IS in Iraq. My thesis would be that if IS is successfully drawn out of Iraq by the Kurds and the Oraqi army with a little help of the US then IS will again focus on their campaign in Syria. This is when it will get messy because states such as the US have to decide if such a containment of IS into war-torn Syria is enough or if they want to support Assad in his campaign against IS. This would of course lift up his status within the Syrian civil war and thuis undermine the effoprts of the non-islamist and moderate opposition groups within Syria. In this way everything plays into Assads hands.
      Of course you are right that the role of especially private donors from the gulf to IS groups and other extremist islamist groups has been an important factor. Moreover the open door policy of Turkey allowing training sides on their territory near the boarder for islamists has increased the inflow of international Jihadists into the eintire region.
      It is upon the NATO states to force Erdogan to close his boarder effectively.

  2. Pingback: ISIS Doku: Im inneren des "Islamischen Staats"

  3. Daniel Wolfram on said:

    Der Artikel stellt eine krankhafte Verunglimpfung der syrischen Regierung dar, welche sich mit Unterstützung der Bevölkerung seit 2011 islamistischer Terroristen erwährt. Grund für die vergleichsweise relativ wenigen Auseinandersetzungen zischen der syrischen Armee und ISIS sind die anderen islamistischen Gruppierung wie FSA und Al-Nusra die für viel Ärger sorgen bisher meist zwischen ISIS und SAA ihr Territorium hatten. Siehe Karte vom Januar hier:
    http://img191.imageshack.us/img191/2599/cta3.jpg

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