Verwechslungsgefahr! Eine Auswertung des Wahlprogrammquiz

Vor der Bundestagswahl haben wir in einem Blogbeitrag das Wahlprogrammquiz vorgestellt. Zur Erinnerung: Das Wahlprogrammquiz hat (beinah) zufÀllig ausgewÀhlte SÀtze aus den Wahlprogrammen der sechs (nun) im Bundestag vertretenen Parteien angezeigt. Die Nutzerinnen[1] musste dann raten, bei welcher Partei der jeweilige Satz im Wahlprogramm steht.

Die Nutzerinnen sollten beispielsweise raten in welchem Programm folgender Satz zu finden ist:

„Wir brauchen ein Populationsmanagement fĂŒr den Kormoran, das den Artenschutz im Blick hat und den Interessen der Menschen dient.“

Dass dieser Satz aus dem Programm der FDP stammt haben nur 6 % der Nutzerinnen richtig geraten. Bis zur Bundestagswahl haben 3733 Nutzerinnen das Quiz gespielt und dabei 63795 Antworten abgegeben. Das Quiz enthĂ€lt 96 Zitate (16+/-1 pro Partei). Durchschnittlich hat jede Nutzerin 17.1 Zitate geraten. Das Quiz ging am 17. August online und wurde zunĂ€chst nur ĂŒber Twitter und Facebook beworben. Der deutliche Ausschlag in der Nutzung am 29. August erklĂ€rt sich damit, dass an diesem Tag das Quiz ĂŒber eine Pressemitteilung beworben wurde und unter anderem ĂŒber den Ticker der DPA ging.


Viele FehleinschÀtzungen

Insgesamt hat sich das Quiz als relativ schwer herausgestellt: Nur 35 % aller abgegebenen Antworten waren richtig. Der Schwierigkeitsgrad zwischen den SĂ€tzen schwankte jedoch sehr (von 3% bis 89% korrekte Antworten). So haben beispielsweise nur 3% richtig geraten, dass der Satz „Wir wollen eine Ombudsstelle fĂŒr einen besseren Tierschutz.“ im Programm der SPD steht. 84% der Nutzerinnen hatten fĂ€lschlicherweise vermutet, dass der Satz im Programm der GRÜNEN steht. Ein Ă€hnliches Muster zeigt sich bei vielen anderen SĂ€tzen zum Thema Umweltschutz.

So wurde bei vielen SĂ€tzen mit dem Thema Umweltschutz vermutet, dass diese im Programm der GRÜNEN stehen, was zeigt, dass die GRÜNEN nach wie vor die einzige Partei sind, welche stark mit dem Thema assoziert werden, obwohl lĂ€ngst alle anderen Parteien Umweltschutz in ihren Programmen behandeln.

Andererseits gab es auch SĂ€tze, welche von eine großen Mehrheit der Nutzerinnen korrekt zugeordnet wurden. So wurde beispielsweise der Satz „Wir haben darum ein fundamentales sicherheitspolitisches Interesse an einem starken und verlĂ€sslichen Partner USA.“ von 78% der Nutzerinnen korrekt der CDU/CSU zugeordnet, oder der Satz „Wir wollen den souverĂ€nen, demokratischen Nationalstaat erhalten!“ von 83% korrekt der AfD zugewiesen.

Die drei schwierigsten SĂ€tze

  • Wir wollen eine Ombudsstelle fĂŒr einen besseren Tierschutz. (SPD, 3% korrekt)
  • Wir setzen uns zudem fĂŒr einen gerechten Zugang zu Land, Wasser und FischgrĂŒnden fĂŒr die lokale Bevölkerung ein und werden „landgrabbing“ sowie die zunehmende Monopolisierung des Saatguthandels durch einige wenige Agro-Business-Konzerne nicht akzeptieren. (SPD, 3% korrekt)
  • Wir wenden uns gegen die negativen Auswirkungen eines weltweiten Preisdumpings zulasten von Umwelt, Mensch und Tier. (AfD, 4% korrekt)

Die drei einfachsten SĂ€tze

  • Wir machen uns fĂŒr eine internationale Plastikkonvention zur Verringerung von PlastikmĂŒll stark, fördern innovative Projekte zur Abfallvermeidung und zeigen dem unnötigen Einsatz von Mikroplastik in Kosmetikprodukten die Rote Karte. (GRÜNE, 89% korrekt)
  • Wir wollen die industrielle Massentierhaltung in den nĂ€chsten 20 Jahren beenden. (GRÜNE, 86% korrekt)
  • Wir brauchen ĂŒber mehrere Jahre diesbezĂŒglich eine Minuszuwanderung. (AfD, 83% korrekt)

GrĂŒne am leichtesten zuzuordnen 

Der Anteil korrekt abgegebener Antworten unterscheidet sich aber auch systematisch zwischen den Parteien. Am höchsten ist er bei den GRÜNEN (42%) und am niedrigsten bei der SPD (23%). Diese mit Abstand niedrigste Erkennbarkeit SPD-spezifischer Positionen passt zu der Analyse, dass die SPD es in diesem Wahlkampf schwer hatte, ihr politisches Programm zu kommunizieren. Dass auch die Positionen der AfD ihr schwer zuzuordnen waren, ist ein Hinweis auf die Strategie der AfD, sich in ihrem Programm thematisch zu erweitern, um Anschluss an grössere WĂ€hlerinnenkreise zu gewinnen.

Ob ein Satz lang oder kurz ist und somit eigentlich mehr oder weniger Informationen enthÀlt, hat keine Auswirkung darauf wie oft er richtig zugewiesen wird.

 

SÀtze aus Programmen der Regierungskoalition am hÀufigsten verwechselt 

Interessant sind auch die Verwechslungsraten zwischen den Parteien. Die hĂ€ufigste Falschdeutung sind Aussagen aus dem Programm der Union, welche fĂŒr Aussagen der SPD gehalten werden. Dies ist ein Indiz fĂŒr die verbreitete These, dass sich SPD und CDU/CSU programmatisch immer weniger unterscheiden. Im Großen und Ganzen lassen sich die Verwechslungen gut mit der ideologischen NĂ€he der Parteien erklĂ€ren. Überraschend ist jedoch, dass die meisten fĂ€lschlicherweise als AfD geratenen SĂ€tze aus dem Programm der LINKEN stammen, welche der AfD in ihrer Position eigentlich diametral gegenĂŒberstehen sollte. Dies deutet darauf hin, dass es bei der Wahrnehmung von Parteien nicht nur um die Positionen und Ideologien, sondern womöglich auch um Rhetorik und RadikalitĂ€t der Forderungen geht.

Methodik des Quiz

Die SĂ€tze wurden den sechs Wahlprogrammen der etablierten Parteien zur Bundestagswahl 2017 entnommen. Die Auswahl der SĂ€tze erfolgte in einem zweistufigen Verfahren. Zuerst wurden zufĂ€llig SĂ€tze von allen Parteien ausgewĂ€hlt. Dabei wurden nur solche SĂ€tze berĂŒcksichtigt, welche mit “Wir” beginnen um SĂ€tze mit konkreten politischen Forderungen zu erhalten. Zudem wurden SĂ€tze ausgeschlossen, welche den Namen der Partei oder einer anderen Partei beinhalten. In FĂ€llen wo der Parteiname leicht aus dem Satz entfernt werden konnte, ohne dass eine Umformulierung des Satzes notwendig ist, wurde der Parteiname automatisch entfernt (z.B. “Wir Freie Demokraten fordern, dass
” wurde zu “Wir fordern, dass
”). Außerdem wurden SĂ€tze ausgelassen, welche mit Wörtern wie “damit”, “deshalb” auf einen vorherigen Satz verweisen und als Einzelsatz nicht verstĂ€ndlich sind. In einem zweiten Schritt wurden einige wenige SĂ€tze von Hand ausgeschlossen, welche keinerlei politische Forderungen oder ErklĂ€rungen beinhalten oder Stilmittel beinhalten, welche sehr eindeutig auf eine bestimmte Partei hinweisen (z.B. der Gender-Star bei den GRÜNEN). Der Reihenfolge der Zitate ist zufĂ€llig. Insgesamt gab es 96 Zitate, die sich gleichmĂ€ĂŸig auf die sechs Parteien verteilen. Die Zitate wiederholten sich erst wenn eine Nutzerin alle Zitate beantwortet hat. Mehrfach beantwortete Fragen von ein und derselben Nutzerin (innerhalb einer Session) werden bei der nachfolgenden Untersuchung ausgeschlossen.

Auf einen Blick:

  • Nutzerinnen: 3733
  • geratene Zitate pro Nutzerin: 17.1
  • Fragen: 96
  • Antworten gesamt: 63795
  • Anteil korrekte Antworten: 35%

[1] Wir verwenden hier aus sprachlichen GrĂŒnden durchgehend die weibliche Form. Gemeint sind aber immer Nutzerinnen und Nutzer.

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