Demokratie spielend gestalten – Ein Fall für das Demokratiebarometer

 

Mit dem Seminar „We the people: Demokratie spielend gestalten“ (Syllabus) haben Dr. Saskia Ruth und Dr. Rebecca Welge im Frühjahrssemester 2016 ein neues Lehrkonzept am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich getestet. Das Seminar verfolgte das Ziel gemeinsam mit Studierenden ein Demokratiespiel zu entwickeln, das die Kernelemente der Demokratie und ihre Zielkonflikte abbildet. Das Spiel soll später als angeleitetes Bildungsspiel in der Universitätslehre eingesetzt werden können. Dabei standen sowohl die anwendungsorientierte Beschäftigung mit klassischen politikwissenschaftlichen Demokratietheorien als auch die interaktive Einbindung der Studenten in den Prozess der Spielentwicklung im Mittelpunkt.

Basierend auf zwei aktuellen Projekten der empirischen Demokratieforschung – dem Demokratiebarometer und dem Varieties of Democracy – arbeiteten die Studenten in der ersten Hälfte des Seminars die relevanten Kernelemente, Funktionen und Institutionen der Demokratie heraus. Gleichzeitig identifizierten sie verschiedene Demokratieperspektiven als mögliche Spieler.

Untitled      Untitled2Fotos: Saskia P. Ruth & Rebecca Welge

Darauf aufbauend begannen die Teilnehmer in der zweiten Hälfe des Seminars mit der Umsetzung ihrer gewonnenen Fachkenntnisse in thematisch relevante Spielmechanismen. Mit der Unterstützung des Beraters für Bildungsspielentwicklung Robert Lovell konnten die Studenten dann in einem abschliessenden Spieleworkshop Ideen in die Praxis und in mehrere Spielvarianten umsetzen. Dazu wurde vor Ort gebastelt, debattiert, angepasst und ausprobiert.

Ein Fazit zum Seminar: Mit hochmotivierten Teilnehmern ist vieles möglich! Gemeinsam nahmen sie die ersten Schritte in Richtung eines thematisch fundierten und spielerisch ansprechenden Demokratiespiels. Einen Erfahrungsbericht zum Seminar gibt es unter diesem Link.

Brexit: Risk and fun of majority rule and direct democracy

Listening to the news on the morning of the 23rd of July 2016 was a surprise for many. In a public discussion the previous evening, Wolfgang Merkel and Michael Zürn, both directors at the WZB Social Science Research Center, had expected a vote for “remain”, not “leave,” in line with TV and other sources. What is worrisome is not that the prognoses were wrong but the outcome.

17.410.742 voted “leave”, 16.141.241 “remain”. This is a majority for “leave”. However, to be clear: this isn’t a decision of the majority at all. Only 34,4 percent of eligible voters voted for „leave“. This is little more than a third. About 91,6 percent registered to vote, which is 4.279.182 fewer than all eligible voters. This is lower than the Alternative Vote referendum of 2011 (93,0 %) and much lower than the European Community (Common Market) Membership Referendum of 1975 (99,5%).Turnout among registered voters was 72,2 percent. Even if we calculate solely on the basis of registered voters, only 37,4 of those registered voted for “leave”.

For a country that advertises its own majoritarian electoral system as democratically superior to proportional representation, it seems to be acceptable to execute a decision supported only by a minority. If we take majority decisions seriously, however, it follows that there should be a positive absolute majority of eligible voters. This certainly does not require that registration and turnout amount to 100 percent. In the Brexit referendum, it would have meant that about 25,39 million voters, or 75,7 percent of those registered, would have had to vote for “leave” in order to speak of a majority in a substantial sense. A majority of the entire membership is a requirement in many decision-bodies for changing the status quo. And leaving the EU is certainly a fundamental change of the situation of the UK.

Although a margin of almost 1,3 million votes for “leave” seems to be enough to conform to the classic British position of a majority victory, it seems problematic given the considerable opposition to the exit. There are at least three fundamental splits: a regional, a rural-urban, and a generational one.

Regionally, in Scotland all constituencies had a majority for “remain”; England, Wales, and Northern Ireland showed differences between constituencies. England and Wales voted in favor of exit, Northern Ireland for “remain”. A second split is between rural and urban areas. In most urban districts, in particular in and around the bigger cities above 250 thousand inhabitants, a majority voted for “remain”. The third split is between young and old. According to data from polls, 57 percent of voters of age 65 and higher voted for “leave”. They represent 17 percent of the population. Among the voters below 65, about 44 percent voted for “leave”. If the older voters had voted in the same proportion as the younger, “leave” votes would have been about 14,7 million instead of 17,4 million. That would not have been enough.

The UK now is facing a split between Scotland and the South, urban and rural areas, and young and old. The older citizens were decisive for a decision affecting a much longer future than they themselves will be affected by.

Against this background, making use of representative democracy would probably not be the worst solution. The Parliament can still decide. Whatever the decision will be, there is a clear lesson for direct democracy: get the rules right so that majority does not in fact mean minority.

Table: Turnout and Result of Brexit Referendum for Votes, Registered Voters, and Eligible Voting Population

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Ist die Politik der Troika undemokratisch?

Die Fakten sind bekannt. Seit dem Ausbruch der Finanz- und wenig später der Eurokrise erlebt Griechenland die dramatischste Wirtschaftskrise Westeuropas seit 1950. Die Arbeitslosigkeit stieg von 7,8 % im Jahr 2008 auf 27,5 % (2013); die Jugendarbeitslosigkeit beträgt das Doppelte. Das Wachstum brach in den fünf Jahren nach Ausbruch der Krise um 29 % ein, der Mindestlohn wurde um ein Viertel gekürzt. Die desaströsen Kennziffern könnten fortgesetzt werden und deuten doch die soziale Katastrophe nur an.

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Interview with Wolfgang Merkel: Democracies and their Crises Reconsidered

Jean-Paul Gagnon (Australian Catholic University) interviews Wolfgang Merkel on the state of democratic theory, democratic quality and crises. The interview will soon be published in the forthcoming book by Jean-Paul Gagnon, Democracies Across Dialogues: Presents, Pasts and Futures.

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Towards the End of the left / right Paradigm

With the rise of populism on both sides of the political scpectrum, raising new oppositions, is the traditional left/right political divide still relevant to understand contemporary European societies? Four experts from Europe and beyond answer this critical question.

This commentary was first published in QUERIES, Spring 2015, p. 27-31

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Das Recht auf Staatlichkeit nach dem Krieg

Dies ist die ungekürzte Version eines Beitrags, der unter dem Titel „Nach dem Krieg kommt die Moral“ in der Frankfurter Rundschau am 20./21.9.2014 erschienen ist.

Hoffnungen stiegen hoch nach dem Ende des Kalten Krieges. Mit dem Kollaps der Sowjetunion und der Demokratisierung der Staaten des Warschauer Pakts schien die Bipolarisierung der Welt der Vergangenheit anzugehören. Von einer friedlichen multipolaren Weltordnung war die Rede. Idealisten, Neokantianer und Konstruktivisten träumten von der Verrechtlichung der internationalen Beziehungen. Sie vertrauten auf die Kraft des vernünftigen Arguments und hofften auf eine ökonomische Friedensdividende. Weiterlesen

Gejammer vs. Worthülsen: Die Luhmann-Habermas-Kontroverse feierte fröhliche Urständ.

Vor geraumer Zeit wurde in der ZEIT eine zum Teil mit starken Bandagen geführte Debatte unter prominenten Vertretern der deutschen Soziologie ausgetragen. Den Auslöser bildete ein zeitdiagnostischer Essay von Thomas Assheuer. Die Erwiderung nahm Armin Nassehi vor, die schließlich Harmut Rosa auf den Plan rief. Die beiden Letztgenannten führen dabei im Kern eine wissenschaftstheoretische Debatte innerhalb der Sozialwissenschaften, die in ihren Grundargumenten der Luhmann-Habermas-Kontroverse der 1970er Jahre sehr nahe kommt. Weiterlesen

The Good, the Bad and the Ugly? Das Demokratiebarometer stellt sich vor

Als Enrico Letta die mit Spannung erwartete Vertrauensabstimmung des italienischen Parlaments am 2. Oktober 2013 gewann, fand sein Kräftemessen mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi ein überraschendes Ende. Nicht ohne Grund werteten zahlreiche Beobachter das Votum als Zeitenwende in der italienischen Politik. Angesichts Berlusconis zahlreicher streitbarer Initiativen, Stichwort Justizreform, sagt das politikwissenschaftliche Bauchgefühl, dass Italiens Demokratie in der „Ära Berlusconi“ nicht nur anders, sondern auch „schlechter“ war als bspw. die Demokratie Finnlands. Die Suche nach einer systematisch quantifizierenden Begründung dieser Intuition bleibt jedoch zunächst ergebnislos, denn die etablierten Demokratieratings von Freedom House oder Polity IV helfen nicht weiter. Schließlich weisen sie Italien nur die Bestnoten zu. Ebenso scheinen die USA trotz des US PATRIOT Acts a priori für die besten Bewertungen fest gebucht. Gleiches gilt für nahezu alle älteren Demokratien der OECD-Welt, welchen sowohl die Freedom House Skalen für political rights und civil rights als auch der Polity IV-Index unisono die Höchstnoten 1 bzw. 10 verleihen. Weiterlesen

Wahlenthaltung: Mit dem Gestus der Verachtung

Zu den Signaturen des politischen Diskurses in Deutschland gehört schon lange die Parteienverachtung. Verbrieft ist sie bei Kaiser Wilhelm II, erheblichen Schaden hat sie in der Weimarer Republik angerichtet. Oswald Spengler, Ernst Jünger, Carl Schmitt und ihre vordemokratischen Mitstreiter der „konservativen Revolution“ machten nie einen Hehl daraus, dass Parteien in das Elend der plebejischen Interessenvertretung parlamentarischer Demokratien geführt haben. Sie monopolisierten den Zugang zum Parlament und machten es zu einer „Schwatzbude“, in der geschwätzt, aber nicht entschieden wird. Exekutive Dezision nicht demokratische Deliberation kennzeichne das wahre Politische. ((Dieser Beitrag ist auch auf Cicero Online erschienen.)) Weiterlesen

Supersupergrundrecht

Schon für den gemeinen Fußballfan ist es mitunter nur schwer erträglich, mit welcher Einfallslosigkeit die Fans eines großen Clubs aus dem Süden der Republik ihre Mannschaft anzufeuern pflegen („Superbayern, Superbayern, hey, hey“ ((Hartgesottene klicken auf diesen youtube-link))). Noch unerträglicher – verfassungspolitisch aber zweifellos relevanter – ist es, wenn der derzeit amtierende Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich sich bemüßigt sieht, angesichts der Debatte über die Praktiken in- und ausländischer Geheimdienste und der Diskussion über das Verhältnis von Sicherheit und Freiheit in demokratischen Gemeinwesen ein „Supergrundrecht auf Sicherheit“ zu propagieren („Supergrundrecht, Supergrundrecht, hey, hey“). Dabei ist es in diesem Fall weniger die Einfallslosigkeit des Verfassungsministers Friedrich, die fassungslos macht, als vielmehr die Chuzpe, mit der er eine durchaus ernstzunehmende Debatte kurzzuschließen versucht. Weiterlesen