Umfrageergebnisse sind keine Wahlergebnisse – aber doch gute Prognosen?

Immer wieder werden die letzten Umfrageergebnisse kurz vor einer Bundestagswahl als Prognosen missverstanden. Es scheint nicht zu helfen, dass Demoskopen immer wieder vermerken, Umfrageergebnisse würden Stimmungen widerspiegeln und keine Prognose über ein Wahlergebnis bedeuten. Die Prognosen würden am Wahlabend aufgrund von Wahltagsbefragungen und danach anhand von Hochrechnungen gemacht – nicht früher, nicht später. Es ist jedoch der Öffentlichkeit kaum abzugewöhnen, Umfrageergebnisse dennoch als Prognosen zu lesen. Wie viel wird eigentlich falsch gedacht, wenn so gedacht wird?

Hierzu haben wir geschätzt, wie gut sich die amtlichen Wahlergebnisse der einzelnen Parteien anhand der letzten, von den namhaften Instituten vor einer Bundestagswahl veröffentlichten Umfrageergebnisse vorhersagen lassen. ((Erfasst wurden die letzten veröffentlichten Umfragen in der Woche vor der jeweiligen Bundestagswahl von folgenden Umfrageinstituten für die jeweiligen Wahljahre: Infratest dimap 1994 bis 2009, Info/IFM Berlin 2009, GMS 2009, Forschungsgruppe Wahlen 1994 bis 2009, Forsa 1990 und 1998 bis 2009, Emnid 1990 bis 2002 und 2009, Allensbach 1990 bis 2009.)) Ergebnisse von drei bis sieben Instituten für sechs Bundestagswahlen (1990-2009) und fünf Parteien ergeben einen Datensatz von 140 Datenpunkten. Diese 140 Werte der Parteipräferenzen wurden genutzt, um die Bundestagswahlergebnisse vorherzusagen. Ein solches Gesamtmodel „erklärt“ 98,6 Prozent der Variation der Ergebnisse der Parteien, was als sehr gut anzusehen ist.

Allerdings orientieren sich die Bürgerinnen und Bürger ja nicht an einer Vielzahl von Umfrageergebnissen der vergangenen Jahre, sondern an den Umfragen zur jeweils anstehenden Wahl. Liegen die Schätzungen des Modells aufgrund der höheren Zahl von Datenpunkten gut, oder sind auch die Umfrageergebnisse für sich betrachtet gar nicht so schlecht?

Jede Bundestagswahl ist etwas anders, zwischen den Bundestagswahlen unterscheiden sich die Abweichungen zwischen Schätzung und amtlichem Wahlergebnis. So ist es auch bezogen auf die Werte der Umfragen. Im Vergleich zeigt sich jedoch, dass Bürgerinnen und Bürger nicht unbedingt statistisch schätzen können müssen, um sich ein im Durchschnitt relativ gut passendes Bild vom möglichen Wahlausgang zu machen.

Für die Bundestagswahl 1990 liegt die absolute Abweichung der Schätzung der Parteianteile 4,51 Prozentpunkte von den amtlich erzielten Stimmenanteilen der Parteien entfernt, 1994 4,06 Punkte, 1998 2,46 Punkte, 2002 5,77 Punkte, 2009 nur 2,04 Punkte. 2005 war hingegen ein schwarzes Wahljahr für die Demoskopie, was sich in der Abweichung unserer Schätzung von den amtlichen Parteianteilen von 8,37 Punkten ausdrückt. Die Abweichungen des Mittels der Umfragewerte der wichtigsten demoskopischen Institute liegen mal unter, mal über diesen Werten.

Im Durchschnitt sind die Umfragen also gar nicht so schlecht. Allerdings sollten die Bürgerinnen und Bürger im Blick haben, dass es Wahlen gibt wie die Bundestagswahl 2005, wo die Demoskopie voll daneben lag – und auch daran, dass auch kleine Abweichungen bei knappen Ergebnissen große Wirkungen haben können, weil sie über Regierung und Opposition entscheiden.

Abbildung 1: Summe absoluter Abweichungen zwischen amtlichen Stimmenanteilen, Umfragewerten und aus Umfragen geschätzten Anteilen 1990 bis 2009
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Wer es noch genauer wissen will …

Unsere parteispezifischen Schätzungen ergeben, dass es auch einen Unterschied macht, welche Partei geschätzt wird. Die Abweichungen der Schätzungen von den amtlichen Parteianteilen sind im Mittel relativ klein. Nur bei der Union fallen sie mit Abweichungen im Mittel von 2,25 Prozentpunkten nach oben oder unten größer aus, bei der SPD sind es im Mittel nur 0,50, bei der FDP 0,67, den Grünen 0,87 und der Linken ganze 0,23 Prozentpunkte.

Abbildung 2: Mittlere absolute Abweichungen der Schätzung der Stimmenanteile durch Umfragedaten 1990 bis 2009 von den amtlichen Stimmenanteilen 1990 bis 2009
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Aber auch hier gibt es Unterschiede zwischen den Wahlen, wie das folgende Schaubild verdeutlicht.

Abbildung 3: Ausmaß der Über- und Unterschätzung der Parteianteile auf der Grundlage der letzten Umfragen vor den Bundestagswahlen 1990 bis 2009
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Und wer es noch genauer wissen möchte, kann den nachfolgenden Grafiken entnehmen, wo die Schätzungen und das amtliche Wahlergebnis der Parteien liegen und die Fehlerhaftigkeit der Schätzung – technisch ihren Standardfehler – anhand des Vertrauensintervalls ablesen.

Abbildung 4: Geschätzte Stimmenanteile, Vertrauensintervall der Schätzungen und amtliche Stimmenanteile bei den Bundestagswahlen 1990 bis 2009
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